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Phänomen Brünn

Als Führer in der Villa Tutanchamun oder Rapsschnaps, Aschenputtel und eine Engelsgeduld

10. 8. 2019

Die Villa Tugendhat kennt jeder. Wahrscheinlich haben alle Tschechen schon einmal von der berühmten Villa gehört, die ein architektonisches Juwel ist und sogar UNESCO-Denkmal. Im Jahr 1992 wurde hier die Teilung der Tschechoslowakei vereinbart, ihre Restaurierung belief sich auf zig Millionen Kronen und Besucher müssen auch noch sieben Jahre nach deren Wiedereröffnung die Tickets für eine Führung bis zu mehreren Monaten im Voraus bestellen.

Jeder beliebige Zeitungsartikel über moderne Architektur oder auch über ein gewöhnliches Landhaus erwähnt die Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe. Bekannt sind die Legenden über die Onyxwand, die beweglichen Fenster und die wohlhabende jüdische Familie, die ihre Luxusvilla wegen der Nazis und des nahenden Krieges verlassen musste. Während dessen musste die Villa auch unsensible Änderungen und Bombardierungen über sich ergehen lassen, nach dem Krieg dann auch verheerende Plünderungen. Die Geschichte der Villa fasziniert die Öffentlichkeit. Nur wenige Menschen haben es aber auch anders erlebt als auf einem geführten Rundgang. Nur wenige wissen, welches Holzstück original ist und welches nicht mehr. Nur wenige wissen, wie es ist, ganz allein in der Villa zu sein. Das wissen die derzeitigen Bewohner der Villa – die Führer. Und ich war einer von ihnen. Ich habe in den Jahren 2014 und 2015 in der Villa gearbeitet und es war großartig! Wir waren eine tolle Truppe, und was noch besser ist, wir sind es nach wie vor.

Führer und Kassierer der Villa Tugendhat Foto Michael Kalábek

Als Führer in der Villa Tugendhat zu arbeiten ist eine seltene Diagnose. Es bringt eine Menge Verantwortung und Privilegien mit sich. Ein Führer muss über alles Bescheid wissen – über das Gebäude, die Geschichte, die Familie, die Restitution. Es muss jemand sein, der sich mit Architektur, Bauwesen, Moderner Geschichte und auch dem Gesetz auskennt, weil die Fragen der Besucher äußerst vielseitig sind. Er muss Tschechisch, Englisch und idealerweise auch Deutsch oder Französisch können. Er muss ein geborener Erzähler sein. Führungen in der Villa Tugendhat ähneln nicht den üblichen Führungen auf Burgen und Schlössern. Erwarten Sie keinen monotonen Leierkasten mit unnatürlicher Diktion und auswendig gelerntem Text. Jeder Führer erzählt die Geschichte der Villa anders. Ich selbst habe meine Darlegungen immer den Besuchern gemäß ihrer Interessen angepasst – jemand fragte nach der Zusammensetzung des Putzes und die Tragfähigkeit der Säulen, jemand andere interessierte sich mehr für das Schicksal der Familien Tugendhat und Löw-Beer. Ich war immer bemüht, zu den Besuchern eine Verbindung aufzubauen – und es ähnelte oft mehr einem freundlichen Gespräch während eines Spaziergangs durch die Villa als einer Führung. Der beste Moment war immer, wenn ich die Gruppe über die Wendeltreppe in den Hauptwohnraum führte – in den „Glasraum“ – und die Besucher für einen Moment die Schönheit verinnerlichen ließ. Die Villa wird nie eintönig, ich habe mich immer mit ihnen daran ergötzt.

Ist das original?

Manche Dinge werden sich bei jeder Führung wiederholen. Ich habe sie vor Jahren erlebt und auch die gegenwärtigen Führer erleben sie. Das „am wenigsten Witzigste“ passiert gleich nach Betreten der Eingangshalle, wo ein Spezialgerät – eine Überschuhmaschine – die Schuhe der Besucher mit einer Schutzfolie versieht. „Das hat auch Mies van der Rohe entworfen?“ – ertönt mit steter Regelmäßigkeit aus dem Mund einfallsreicher Witzbolde. Die häufigste Frage während der Führung ist „Und das ist auch original?“, wobei absolut alles gemeint ist von Möbeln, Linoleum und Lichtschaltern bis hin zu offensichtlich nicht-einheimischen Pflanzen. Aber alles Interaktive macht den Besuchern Spaß, egal, ob es verschiedene Rätsel oder praktische Demonstrationen sind. Sie lieben es, die Fenster runterfahren zu sehen, sie raten gern, was wie viel in der Villa gekostet hat, bewegt schauen sie zu dem Platz im Garten, wo einst im Sommer Klaus und Mečiar gesessen haben. Bei der Wäscherei vermutet fast immer irgendein Spaßvogel, es wäre eine Brennerei, Mutigere wiederum bei der Dunkelkammer eine Folterkammer. Ich habe auch gern die Besucher in die sog. Mischkammer in den technischen Räumen für die raumlufttechnische Anlage geführt – hinein gelangt man nur in Hocke oder auf Knien durch eine schmale Öffnung. Im Inneren ist es dunkel und es gibt eine Spezialkammer mit Meeressteinen, die ich immer für die Leute mit meinem Handy angeleuchtet habe. Die Führung ist eigentlich eine Art One-Man-Show, die am Ende in der Regel mit Applaus belohnt wird, was einen sehr freut.

Nur bei Gefahr drücken Foto Michael Kalábek

Besucher gibt es viele, sie sind sehr unterschiedlich, und deshalb muss man nachsichtig sein. Die Führer haben daher eine Engelsgeduld. Leider versteht die Öffentlichkeit nicht immer, dass die Villa lange im Voraus ausgebucht ist, dass die Kapazität der Führung nicht aufblasbar ist, oder dass die Kassierer auch nicht bei dem Satz „Sie sind extra den weiten Weg aus Řečkovice gekommen“ weich werden. (True Story, Bro. Für Nicht-Brünner: Řečkovice liegt am nördlichen Stadtrand von Brünn.) Der jüdische Familienname, der auch die Villa bezeichnet, ist für die Öffentlichkeit eine ziemliche Herausforderung. Regelmäßig bekamen wir Bitten für die Reservierung der Führung durch die Villa Tutenhad (dialektale Bezeichnung eines Reptils ohne Gliedmaßen), Turandot (Oper von Giacomo Puccini) oder sogar Tutanchamun (der altägyptische Pharao). Die Führer erledigen nämlich zusammen mit den Kassierern neben der Führung die gesamte Besuchsagenda – das bedeutet Dutzende von E-Mails und Telefonanrufen jeden Tag. Außerdem hat Mies van der Rohe die Villa für eine Familie konzipiert, und nicht für Touristen. Es gibt kein Wartezimmer und die Toiletten sind im technischen Erdgeschoss versteckt, damit sie nicht stören. Im Erdgeschoss enden die Führungen, also muss der Führer, wenn Besucher bereits vor der Führung müssen („Wo ist hier das Klo?“), diese über einen Umweg einzeln bis nach unten geleiten. Und überhaupt haben die Besucher manchmal ziemlich verrückte Ideen. Vor kurzem brach eine erwachsene Besucherin das Schutzglas ein und drückte den Feueralarmknopf. Als drei Minuten später vor der Villa mehrere Feuerwehrfahrzeuge standen und die Feuerwehrleute mit Schläuchen fast über den Zaun geklettert wären, errötete die Frau und sagte nur: „Sie sind wirklich gekommen…“

Fehlalarm in der Villa Foto Michael Kalábek

Sie können viele Ort besichtigen. Aber die Villa frühestens in 3 Monaten

Was erlebt ein Führer, was ein normaler Besucher nicht erlebt? Der Führer hat einen Schlüssel zum Tor und muss nicht klingeln. Der Führer darf die beweglichen Fenster herunterlassen. Der Führer benutzt die berühmte Überschuhmaschine mehrmals täglich (und kann durch die häufige Wirkung der Hitze beschädigte Schuhe davontragen). Der Mitarbeiter der Villa hat keine freien Wochenenden und Feiertage, dafür ist sein Tag der Ruhe und Entspannung der Montag, wenn Ruhetag ist. Ein Führer begegnet Leuten, auf die er unter normalen Umständen nie treffen würde. Ich selbst habe mehrere berühmte Schauspieler und sogar zum Beispiel den israelischen Botschafter begleitet, also konnte ich mein Hebräisch anwenden, das ich interessehalber lerne. Führer und Kassierer halten sich auch in einem Teil der Villa auf, der ursprünglich für das Personal bestimmt war – in einem Raum hinter der Garage befinden sich die Kasse und der Aufenthaltsraum für Führer, separiert durch eine Trennwand. Dahinter ist eine Ecke mit Schreibtisch, Computer und Wandzeitung. Genau dort erledigen die Führer zwischen ihren Führungen Telefonate und Reservierungen. Und dabei spielen sie natürlich auch Musik oder lustige Videos ab. Beliebte Hits waren Lean On von Major Lazer, DJ Snake und MØ, Anaconda Nicky Minaj oder Drakes‘ Hotline Bling. Die Weihnachtshymne war in der Regel ein Remix aus Aschenputtelmotiven. Wir liebten auch Sprüche aus „Jolanda“ (Sendung mit einer bekannten tschechischen Wahrsagerin) oder Auszüge aus dem tschechischen Glücksrad der neunziger Jahre. Auch wenn es viel Arbeit gab, herrschte immer gute Laune. Aus den Führern und Kassierern wurden schnell Freunde, die sich auch nach der Arbeit treffen und alles Mögliche zusammen feiern. Natürlich ändert sich im Verlauf die Personalbesetzung der Villa, aber auch über „Generationen“ hinweg kennen und sehen wir uns immer noch. Eines unserer internen Rituale ist das Trinken von Rapsschnaps. Er schmeckt ein bisschen wie Gemüsesalat und ein wenig wie „wenn man mit der Schnauze im Dreck wühlt.“ Als Abschiedsgeschenk für ausscheidende Mitglieder wird ein Erinnerungskarton gebastelt (meinen habe ich immer noch). Wir fahren sogar zusammen auf Ausflüge und komponieren Lieder. Das ist keine Arbeit, das ist ein Traumjob.

Führer und Kassierer der Villa Tugendhat auf einem Bier Foto Michael Kalábek

Gerade die Führer haben den Löwenanteil daran, dass die Villa es schon mehrere Jahre lang schafft, den riesigen Besucheransturm zu bewältigen. Wenn Sie wieder einmal hören, dass die Besucherzahlen der Villa Tugendhat einen neuen Rekord erreicht haben, und dass man auf eine Führung bis zu einem halben Jahr warten muss, erinnern sie sich an die Führer und Kassierer. Sie sind es nämlich, die sich bei jedem Besucher um die Reservation kümmern und aus der Führung ein unvergessliches Erlebnis machen. Eine Gruppe begeisterter junger Menschen, die die Villa lieben und aus denen tolle Freunde geworden sind. Darüber hinaus waren es gerade die Führer und Kassierer der Villa (und von der Burg Spielberg, also gewöhnliche Mitarbeiter des Museums der Stadt Brünn), die sich im Rahmen einer Bürgervereinigung erfolgreich für die Rettung der benachbarten Arnold-Villa eingesetzt haben.

Frau Greta Tugendhat sagte unter anderem auf ihrem Vortrag in Brünn im Jahr 1968, dass sie sich wünschen würde, dass die Villa von Leben erfüllt sei. Diesen Wunsch erfüllen ihr die Führer jeden Tag (im Rahmen der Öffnungszeiten). Und hiermit grüße ich herzlichst meine Freunde aus der Villa.

 

Die Villa Tutanchamon finden Sie unter der Adresse Černopolní 45 und auf www.Tugendhat.eu. Wenn Sie jedoch den Eintritt nicht bereits mehrere Monate im Voraus gebucht haben, ist nur der Brünnpass Ihre einzige Chance für einen Besuch der Villa.

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