Phänomen Brünn

CHYBIK+KRISTOF: Top 11+1 der Brünner Architektur

29/10/2019

Mit dem New Yorker Design Vanguard 2019 für das beste junge Architekturstudio der Welt wurden im Juni die Brünner Architekten Ondřej Chybík und Michal Krištof ausgezeichnet. Das Studio wurde 2010 gegründet und hat bereits mehrmals mit seinen Arbeiten auf sich aufmerksam gemacht. Den Gründern ist es gelungen, ein internationales Team von fünfzig kooperierenden Architekten aufzubauen. Sie entwarfen den aus Containern konstruierten Pavillon der erfolgreichen tschechischen Ausstellung auf der Expo 2015 in Mailand. Zu Hause profilierten sie sich vorletzten Sommer auf dem Mährischen Platz mit ihrer kontroversen symbolischen Rekonstruktion des Deutschen Hauses aus Baugerüststangen. Wir haben sie in ihrem Atelier besucht und sie nach ihren Brünner Lieblingsbaudenkmälern gefragt – einschließlich des in ihren Augen schlechtesten. Lesen Sie hier die Transkription des Gesprächs.  

Esszimmer der Villa Tugendhat mit Stühlen Brno, Černopolní 45, Černopolní 45 Foto David Židlický

1. Die Villa Tugendhat,

weil sie eines der bekanntesten Einfamilienhäuser der Welt ist. Bei Brno denkt jeder entweder an dieses Gebäude oder an den gleichnamigen Stuhl, der für die Villa entworfen wurde (Stuhl Brno, Designer Ludwig Mies van der Rohe). Manchmal machen Leute sich lustig über uns, wir würden in einem Stuhl wohnen. Dieser Stuhl ist bekannter als Brno selbst, das ist schon eigenartig. Und die Villa gehört zu den etwa drei wichtigsten Einfamilienhäusern des 20. Jahrhunderts.

Krematorium Foto Studio Flusser

2. Das Werk Arnošt Wiesners

Sei es das Brünner Krematorium, der Palast Morava auf dem Malinovský-Platz oder das Haus, das er gemeinsam mit B. Fuchs hier auf dem Svoboda-Platz gebaut hat – die Mährische Bank (heute Kommerzbank) –, nichts davon hat etwas mit diesem trockenen weißen Funktionalismus zu tun. Er hat auf viel interessantere Art mit der architektonischen Form gespielt, man sieht das auch am Krematorium, wo er Ziegel benutzt hat und auf dem Dach Fialen.

Palast Morava („Mähren“), Malinovský-Platz Foto Studio Flusser

3. Das Werk von Bohuslav Fuchs

Dann sind da die Häuser des bereits erwähnten Bohuslav Fuchs – sei es das Hotel Avion, das zu seiner Zeit das schmalste Hotel Europas war, mit seiner genialen Aufteilung und einem umwerfenden Raumkonzept. Es ist gut, dass es jetzt restauriert wird. Oder der gerade frisch renovierte Autobusbahnhof am Grandhotel, so ein wunderschöner Schalenbau.

Hotel Avion, Česká-Straße 20 Archiv TIC BRNO

Autobusbahnhof gegenüber dem Grandhotel Foto BAM

4. Kaffeehaus ERA

Zu den charakteristischen Werken der dreißiger Jahre gehört das Kaffeehaus ERA. Das stammt von Josef Kranz, einem meiner Lieblingsarchitekten der dreißiger Jahre. Das ist totaler, sauberer, roher Funktionalismus, weitaus funktionalistischer als Fuchs und Wiesner zusammen. Es ist als Kaffeehaus entstanden und erfüllt diesen Zweck bis heute, die Restaurierung ist glänzend gelungen und hat den Zustand der dreißiger Jahre sehr genau wiederhergestellt.

Interieur des Kaffeehauses ERA, Zemědělská-Straße 30 Foto Studio Flusser

5. Ingstav

Aus der Nachkriegszeit ist auf jeden Fall das Ingstav von Professor Ruller eines unserer Lieblingsgebäude. Das ist das Haus in der Vídeňská-Straße, grün und aus Glas, mit einer doppelten Fassade. Das ist vielleicht der einzige richtige Brutalismus in Brünn – dieses brutalistische Treppenhaus. Das ist brutal auf der einen und unglaublich zerbrechlich auf der anderen Seite. Die Außentreppe und der Eingang sind aus Beton und eindeutig brutalistisch, aber dann ist da dieser leichte Mantel um das Haus herum in Gestalt der Glasfassade, die ist für die Zeit, aus der sie stammt, ungeheuer innovativ, schön und klug gestaltet. Schon damals waren sich die Leute dessen bewusst, dass Staub und Lärm von der Straßenseite durchs offene Fenster direkt ins Haus dringen würden. Doch durch die doppelte Fassade kommt es zu einer dauerhaften kontrollierten Luftzirkulation. So kommt also auch frische Luft rein, aber nicht unmittelbar von der Straße. Das ist ein einfaches, aber hochwirksames Prinzip, das zu der Zeit bei uns einzigartig war. Außerdem ist das Gebäude einfach schön.

Das Architekturstudio CHYBÍK+KRIŠTOF wurde 2010 von den ehemaligen Studienkollegen Ondřej und Michal gegründet. Heute hat es seinen Sitz in der Jalta-Passage am Dominikanerplatz mit Filialen in Prag und Bratislava. Die Gründer leiten ein internationales Team von fünfzig Mitarbeitern und nehmen weltweit an Auftragsausschreibungen teil. Zu ihren markantesten Schöpfungen gehören der modulare tschechische Pavillon auf der EXPO 2015 in Mailand, das Weingut Lahofer mit seinem Erdwall oder das Design der Weihnachtsmärkte mit den beheizten Besucherzelten auf dem Mährischen Platz. Für ihren Showroom MY DVA („Wir zwei“) wurden sie mit dem Grand Prix der Tschechischen Architektengesellschaft sowie mit einem Tschechischen Architekturpreis ausgezeichnet. Daneben sind sie Träger der Auszeichnung Design Vanguard 2019.

Profilové foto CHYBIK+KRISTOF www.chybik-kristof.com

Ingstav, Vídeňská-Straße 55 Foto BAM

6. Pavillon Z

Der Pavillon „Zet“ auf dem Messegelände. Das ist diese interessante Konstruktion von Professor Lederer, ein herrlicher Bau, der zu seiner Zeit eine der größten Konstruktionen aus Stahlverstrebungen war. Wenn man die enorme Spannweite bedenkt, wirkt er geradezu unglaublich subtil.

Kuppel des Pavillons Z Foto Michal Jenčo

7. Areal der Südmährischen Gasgesellschaft

Jetzt nehmen wir Kurs auf die neunziger Jahre. Hier fasziniert besonders das Areal der Gaswerke aus der Werkstatt des Ateliers A PLUS. Es handelt sich um einen der wenigen High-Tech-Bauten in Brünn, ja vielleicht den einzigen. Das wird auf den ersten Blick deutlich. Er liegt etwas abseits der Altstadt, aber auf dem Weg dorthin kommt man durch das Brünner „Entwicklungsviertel“ Bronx, das gerade eine rapide Veränderung durchläuft.

Areal der Gaswerke, Plynárenská-Straße 1 Foto A Plus

8. Schwimmbad auf dem Kuhberg (Kraví hora)

Sechs, sieben, ja, jetzt können wir zu den zeitgenössischen Bauten übergehen. Auf dem Kuhberg liegt das Schwimmbad des Ateliers DRNH – dazu gehört die Schwimmhalle und die Gestaltung des Freibadareals. Eine tolle Aussicht auf die Stadt; in der Zeit seiner Entstehung ein ganz außergewöhnliches architektonisches Statement im Brünn der Nachwendezeit. Göttlich.

Schwimmbad auf dem Kuhberg (Kraví hora) Foto David Židlický

9. Philosophische Fakultät der Masaryk-Universität Brünn

Außerdem mag ich das Areal der Masaryk-Universität in der Grohová-Straße – die Philosophische Fakultät. Da steht die Bibliothek von den Architekten Kuba und Pilař – ein großartiger Bau, dann ist da der Neubau zweier Pavillons von Professor Pelčák – die Erweiterung der Philosophischen Fakultät. Drei starke Häuser an einem Ort, das ist schon einen Blick wert.

Philosophische Fakultät mit Bibliothek (rechts), Arne-Novák-Straße 1 Foto Františka Uřičářová

10. Kirche der seligen Maria Restituta

Die Kirche von Marek Štěpán in der Siedlung Lesná wird gerade fertiggestellt. Ich war noch nicht drin, aber ich komme regelmäßig vorbei, weil ich in der Nähe wohne. So über den Zaun hinweg sieht der Bau sehr interessant aus. Überhaupt die ganze Siedlung Lesná – also
wenn man sich mal eine ordentlich gemachte Siedlung, vollgepackt mit Infrastruktur, angucken möchte, nicht nur hingeklotzte Wohnblocks, sondern Schwimmbad, Gesundheitszentrum, mehrere Supermärkte, Kindergärten, Schulen. Die Siedlung Lesná ist ein hochwertig gemachtes modernistisches Manifest, das zeigt, wie man eine Menge Leute mit Wohnraum im Grünen versorgen kann. Noch heute funktioniert sie bestens. Seit den sechziger Jahren, als sie errichtet wurde, ist sie noch mit der umliegenden Natur verschmolzen, so dass man hier das Prinzip „Wohnen im Grünen“ sehr schön studieren kann.

Kirche der seligen Maria Restituta Foto Františka Uřičářová

11. Der Showroom von MY DVA

Wenn ich eines von unseren verwirklichten Projekten auswählen soll, dann ist das die Sitzfassade im Stadtteil Vinohrady. Wir versuchen, Projekte zu machen, die den Kontext miteinbeziehen. Nicht nur im Rahmen von Ort und Klima, sondern auch, was den Klienten und die Aufgabenstellung betrifft. In diesem Fall geht es um den Showroom der Firma MY DVA, wo wir die Fassade mit dem verkleidet haben, was wir herstellen, und dadurch die Kosten auf 20% der Kosten eines normalen Fassadensystems drücken konnten, das wir sonst für die Umgestaltung eines Objekts aus den neunziger Jahren hätten verwenden müssen. So zeigt bereits die Außenhaut, was sich innen abspielt.

Showroom von MY DVA, Žarošická-Straße 18 Foto CHYBÍK+KRIŠTOF

Die schlechteste Architektur in Brünn – das Einkaufszentrum Letmo

Das Letmo wurde als monofunktionaler Raum konzipiert, der keine Fassade hat, d.h., wenn die Geschäfte nicht funktionieren, kann dort auch nichts anderes rein. Büros bekommt man nicht rein, Wohnungen gingen höchstens, wenn man die Fassade verändern würde. Das ist der größte Schwachpunkt dieses Projekts. Ob einem das Design des Gebäudes gefällt oder nicht, ist eine andere Frage, aber meiner Meinung nach ist das ein Paradebeispiel dafür, wie Architektur nicht sein soll. Architektur sollte so flexibel wie möglich sein und Transformationsmöglichkeiten offen lassen, falls eine Nutzungsabsicht nicht aufgeht. Gleichzeitig sieht man hier ein absolut unnötiges Maß an Exhibition. Es kann ja Gebäude geben, die exhibieren, doch das sind wichtige Gebäude, wichtig im Sinne ihrer Funktion, also Rathäuser, Galerien, Kirchen, aber sicher nicht so etwas hier.

Einkaufszentrum Letmo, Nádražní-Straße 2a Foto Františka Uřičářová

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